Lauf, Junge, lauf! (Montag, 13. November 2017)

 

Hallo und herzlich Willkommen zu einer Sonderausgabe der Running Mac News. Wie allgemein bekannt sein müsste, finde ich großes Vergnügen daran, zu laufen. Ein ganz besonderes Erlebnis ist es aber, nicht einfach nur zu laufen, sondern seine Laufschuhe im Ausland zu schnüren. Denn so erfährt man einiges über fremde Laufkulturen, erlebt Pastaparties mit grünem Curry oder Pad Thai (der Magen wird es einem aber nicht unbedingt danken) und hat dabei die Möglichkeit, einer ganz speziellen Stadtbesichtigung beizuwohnen. 

 

Meine Stadtbesichtigung am Sonntag führte mich durch die wundervolle chinesische Stadt Shanghai. Und dies ist meine Geschichte:

Die Messe:

 

Nach einer anstrengenden Reise von Xi’an mit dem High Speed Overnight Train und der Ankunft um 6:30 Uhr in Shanghai hatten wir, bevor wir endlich unser Zimmer beziehen konnten, noch einiges an Zeit übrig, die genutzt werden wollte. Also, Taxi zum Convention Center und Startnummer abholen. Das Verfahren muss ich wohl nicht weiter erläutern, ist irgendwie überall das Gleiche und wenig spektakulär. Anders allerdings ist die Tatsache, dass der Bargeldverkehr auf der Messe quasi gar nicht vorhanden war. Da hatten wir schon die Taschen voller Yuan und dann bezahlen die hier alle großzügig mit ihrem Smartphone. Etwas anderes sei hier auch nicht möglich. Ich konnte es in dem Moment einfach nicht glauben. Eigentlich wollte ich nur diese Shanghai-Marathon-Finisher-Schirmmütze käuflich erwerben und dann das. Doch zu meinem Glück entschied man sich dann dafür, unter allen Messestand-Mitarbeitern mein Wechselgeld zusammenzukratzen, bevor man Gefahr läuft, auf dem Zeug am Ende ganz sitzenzubleiben.

 

Sitzen geblieben auf ihren Waren sind bestimmt auch andere, denn irgendwie war diese Messe eines Marathons dieses Kalibers nicht würdig und hat mich dazu bewogen, keine weiteren Worte mehr darüber zu verlieren. Somit war unsere Mission an diesem Vormittag vorerst erfüllt. Jetzt hieß es also warten auf den Rennsonntag.

Die Organisation:

 

Das Spannende an Wettkämpfen in anderen Ländern ist und bleibt immer noch zu beobachten, wie mit der Fülle von hochmotivierten Läufern umgegangen oder wie ihnen das Leben so leicht oder gar schwer wie möglich gemacht wird. In Shanghai war man eindeutig zwischen beiden Extremen hin- und hergerissen. Sehr klug organisiert war am frühen Morgen auf jeden Fall die Abgabe des Kleiderbeutels, wofür knapp siebzig Busse unweit des Starts zur Verfügung standen. Dafür war die Abholung aber noch einmal einen Gewaltmarsch von der Ziellinie entfernt. Wenigstens bekam man gleich nach Zieleinlauf einen Verpflegungsbeutel, der einem den Ausflug zu seinem Bus wenigstens etwas erträglicher machte. Die wussten schon, wie wichtig Wegzehrung sein kann.

 

Die Versorgung entlang der Strecke war meines Erachtens die wohl beste, die ich je erleben durfte. Und das soll schon was heißen. Regelmäßige Verpflegungsstationen mit Wasser, Iostonischen Getränken (hielt es am Anfang ebenfalls für Wasser und wollte damit immer schön meinen Kopf feucht halten), Bananen, Cocktailtomaten (das sollte auf jeden Fall Schule machen) und wassergetränkten Schwämmen. Man konnte gar nicht so viel laufen wie man essen wollte oder gar baden. Wie nicht anders von China zu erwarten, war die Organisation dieser Sportveranstaltung rigoros durchgetaktet, ließ dadurch allerdings auch keinen Spielraum für die in manchen Momenten erforderliche Flexibilität.

Wie man leider nach dem Rennen anhand der Familienzusammenführung feststellen musste. Irgendwie alles nicht zu Ende gedacht, meine Freunde. Netterweise wurden auf der Messe zwar Stadiontickets für Familienmitglieder verteilt - rationiert auf ein einziges (größere Familien hatten da wohl das Nachsehen), doch gleich nach dem Zieleinlauf verließ man auch schon wieder nach nur einem kurzen Stadionvergnügen die Tartanbahn Richtung Ausgang und gab sich dem ohnehin schwierigen Unterfangen hin, irgendwie ein Schlupfloch zu finden, dass einem ermöglichte, nicht vom Stadion weggetrieben zu werden. Letzten Endes blieb es aber auch nur bei dem Versuch. In regelmäßigen Telefonaten, die Annett und ich führten, versuchten wir, wenn uns schon keiner helfen wollte, eben selbst eine Lösung zu finden. Gesagt, getan. In Form einer Schnitzeljagd durch Shanghai hatten wir irgendwann einen gemeinsamen Nenner und uns selbst wieder gefunden. Da habt ihr aber nicht schlecht gestaunt, was? Nach gefühlt weiteren 42,195 km Streckenlänge. Die Medaille hierfür seid ihr mir bis jetzt aber schuldig geblieben.

Das Rennen

 

Sonntag, 12. November 2017

 

The Bund - Shanghai

 

Bei optimalen Lauftemperaturen und ohne nennenswerten Wind, gegen den man ankämpfen musste, fiel pünktlich um 7 Uhr der Startschuss für den Shanghai Marathon 2017. Solch eine Uhrzeit ist perfekt für meinen Biolaufrhythmus, den ich mir in jahrelanger Plackerei antrainiert habe. Zu müde, um über die bevorstehende Tortur nachzudenken; doch zu wach, um den Startschuss zu verpassen. Trotz einer nicht zu verachtenden Wunschzielzeit musste ich mich zur Abwechslung mit dem vorletzten Startblock begnügen. Während wir Läufer da so unter uns die letzten Minuten bis zum Start abzusitzen versuchten, ließ ich meinen nervösen Blick durch die Menge schweifen - sehen ja eigentlich ganz fit aus, die Jungs und Mädels. Doch eben diese Jungs und Mädels hatten noch eine Überraschung für mich parat.

Denn kaum war die Welle ins Rollen gekommen, da kam sie auch schon wieder zum Erliegen. Schließlich werde man ja von einer Fernsehkamera verfolgt und damit man auf gar keinen Fall die Möglichkeit verpasst, in fremden Wohnzimmern von irgendeiner Mattscheibe zu flimmern, muss man sämtliche Posen zum Besten geben, die man irgendwann einmal, wo auch immer, aufgeschnappt hat. Sollte der Lauf etwa schon vorbei sein, bevor er überhaupt angefangen hat? Wie durch ein Wunder schleppte sich die träge Masse dann doch noch weiter über Shanghais Promenade ‚The Bund‘, doch nicht ohne dabei mit dem Mobiltelefon in der Hand Selfies zu schießen, telefonierenderweise jemanden von dem aufregenden Moment eines Marathonstarts zu berichten oder gar einfach nur, weil man es kann, plump stehenzubleiben. Ganz beliebt und einer meiner Favoriten war auch das wilde Kreuzen des Weges, ohne jedoch dabei an Tempo zuzulegen. Im Endeffekt dümpelte ich die ersten sieben Kilometer mit einer Pace von über 6:00 min/km dahin, mit ganz wenigen Chancen, die Mauer zu durchbrechen und mein eigenes Tempo anzugehen. Das verzweifelte Strampeln meinerseits hielt an, bis ich schließlich die Halbmarathonmarke erreicht hatte. Das Läuferfeld zog sich in der Breite etwas weiter auseinander und wenn man mit Argusaugen auf ausscherende Mitläufer achtete, konnte man endlich laufen wie einem die stramme Wade gewachsen war. 

 

Jedoch musste ich zu diesem Zeitpunkt mit Schrecken feststellen, dass ich mir durch den kleinen Spießrutenlauf in der ersten Hälfte des Rennens offensichtlich einen ganzen Kilometer mehr angelacht hatte. Jegliche Wunschzeiten, die vorher in meinem Kopf herumschwirrten, hatte ich zu diesem Zeitpunkt bereits ad acta gelegt und mir vorgenommen, den Rest des Rennens einfach nur noch zu genießen. Die Kraft für den Endspurt hatte ich außerdem irgendwo hinter mir auf der Strecke gelassen und wurde dort wahrscheinlich von der Walkergruppe ein weiteres Mal niedergetrampelt.

Das Ziel:

 

Vor meinem geistigen Auge sah ich ein Shanghai Stadium mit Menschen gefüllt, die voller Stolz (oder einfach weil sie gezwungen wurden) mit einem Chinafähnchen bewaffnet, die Marathonläufer wieder aus dem harten Kampf der Kurzatmigkeit zurückerwarteten.

 

In der Realität standen wir mit unserer Kurzatmigkeit ganz schön alleine da. Keine Chinafähnchen. Keine Menschenmasse, die lauthals meinen Namen ruft. Was ist nur aus dieser sozialistischen Welt geworden, wenn noch nicht einmal mehr darauf Verlass ist? Ganz für mich alleine und mit flatterndem Haar überquerte ich mit einer Zielzeit von 03 h 43 min und weiß der Geier wievielen Sekunden, die Ziellinie des Shanghai Marathon 2017. *Bei Redaktionsschluss standen die tatsächlichen Ergebnisse noch nicht zur Verfügung. Würde mich allerdings auch nicht wundern, wenn die Zeitmessung am Rennsonntag die Grätsche gemacht hat und wir das Ding noch einmal nachholen müssen.

Dies war also mein Blick zurück zu einem meiner kuriosesten Rennen, das ich bisher mitmachen musste. Doch vielleicht sollte man gnädiger mit der Erfahrung umgehen, indem man sich immer vor Augen hält, dass in anderen Ländern nun einmal andere Sitten herrschen. Das hört beim Sport schließlich nicht auf. Der Respekt gilt zu guter Letzt all jenen, die, in welcher Zeit auch immer, das Rennen erfolgreich beendet haben. Es war ein langer Weg, den wir zusammen gegangen sind. Im wahrsten Sinne des Wortes. Doch nun ist es an der Zeit für mich, weiterzuziehen. Denn auch andere Marathons haben schöne Startblöcke. Mit diesen Worten verabschiede ich mich und verbleibe mit sportlichen Grüßen aus der faszinierenden Metropole Shanghai. 

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