Wind Nord-Ost, Gleisbett 03!

(Dienstag, 07. November 2017)

 

Unser bisheriges Lieblingsörtchen Datong versuchte uns wohl mit allen Mitteln dortzubehalten. Unser Zug, geplante Abfahrt um 09:34 Uhr, verspätete sich um mindestens vier Stunden. Wenn wir bedenken, dass wir dann noch sechs Stunden auf unserer gepolsterten Liege zubringen mussten, bis wir dann auch endlich in Pingyao ankamen, sollte man diesen ungeplanten Zwischenfall positiv sehen und dazu nutzen, endlich mal die Füße hochzulegen, nichts zu tun und zu entspannen. Außerdem hatte ich die einmalige Möglichkeit, den Bericht über das gerade erwähnte Datong zumindest zu beginnen. Was sollen wir denn auch sonst mit unserer spontan gewonnenen Freizeit anfangen?

Naja, jedenfalls befindet sich das 3,3 Millionen-Einwohner-Dörfchen Datong in der Gebirgsprovinz Shanxi und kann prima mit dem Zug von Peking aus über Nacht angefahren werden. Schlafen funktioniert in ihm ebenfalls einwandfrei und dass am Ende auch ja niemand vergisst auszusteigen, wird man absolut verlässlich und unsanft von einer der Zugbegleiterinnen geweckt. Noch das Buch „Unsanft wecken für Fortgeschrittene“ unter dem Arm gibt sie einem dann noch knapp zwanzig Minuten, um fit zu werden. Eigentlich muss man nur abwarten, bis alle anderen Fahrgäste die Hühner satteln, um zu wissen, ab wann man sich wirklich beeilen sollte. Spätestens dann ist es nämlich an der Zeit, die letzte Schleife in den Schuh zu binden und mit Sack und Pack den Zug zu verlassen.

Wie immer und überall lauern auf dem Bahnhofsvorplatz scheinbar sämtliche Taxifahrer der Stadt und wollen um jede kleine Fahrt feilschen. Nachdem wir uns schließlich auf einen humanen Preis geeinigt hatten, ahnten wir zu diesem Zeitpunkt noch nichts von unserem Glück der richtigen Taxifahrerwahl. So dass es uns am Ende sogar wirklich schwer fiel, unsere Reise fortzusetzen und nur schweren Herzens Adieu gesagt haben. Doch dazu im Laufe des vorliegenden Textes mehr. Nun gilt es eigentlich nur noch viel Spaß zu wünschen beim Lesen der nächsten Zeilen und immer schön die Wörter mit dem Zeigefinger begleiten, damit ihr auch bloß nicht den Faden verliert.

Wind Nord-Ost, Gleisbett 03, Datong ist auserkoren. 

Und der Taxifahrer steht und wartet noch mal eben, 

bis er losfährt und sich bewegt, dem Hostel entgegen.

Ihr merkt schon, dass ich jetzt den Grundstein gelegt habe, ins Singer-Songwriter-Geschäft einzusteigen? Tja, wer Talent hat, sollte dieses auch nutzen, wie mein alter Herr immer zu sagen pflegte. (Na gut, der letzten Satz wurde inspiriert durch Harley Davidson & the Marlboro Man - einfach ein großartiger Film). Aktuell besteht unser Talent aber immer noch am meisten darin, unterwegs zu sein und die Welt aus ganz neuen Blickwinkeln zu betrachten. China ist als Reiseland prädestiniert dafür, zu erfahren, wie es ist, auch mal an seine Grenzen zu kommen bzw. mit der Verzweiflung zu ringen, auf der anderen Seite aber plötzlich Bekanntschaften zu schließen mit Menschen, denen es herzlich egal ist, dass wir lange Nasen haben oder keinen Fitzel ihrer Sprache beherrschen. Und dies ist unsere Geschichte.

Nach der stressigen und zermürbenden Zeit in Beijing wussten wir nicht, was uns im Anschluss erwarten würde. Wir waren uns auch nicht sicher, ob wir das gerne im Vorfeld gewusst hätten. Doch die Überraschung ist den Chinesen in jedem Falle gelungen. Denn nachdem uns unser Taxifahrer bereits morgens um 7 Uhr im Hostel abgeladen hatte, unser Zimmer aber verständlicherweise noch nicht bezugsfertig war, bot man uns kurzerhand an, uns am Frühstücksbüffet zu bedienen. Diese Stärkung konnten wir nach dieser elend langen Zugfahrt und unserer bevorstehenden Tour auch ganz gut gebrauchen. Denn auf dem Weg vom Bahnhof ins Pipa Hostel in der Altstadt hatten wir nämlich ausreichend Zeit, dem Taxifahrer auf den Zahn zu fühlen und herauszufinden, ob er uns und unseren Ansprüchen gerecht werden könnte. Denn über’s Ohr hauen können wir uns selbst immer noch am besten.

Der Grund, weshalb Datong hauptsächlich als Zwischenstopp vieler Reisender genutzt wird, findet man in den in der Umgebung befindlichen Yungang-Grotten, dem hängenden Kloster und, wenn man etwas mehr Zeit mitbringt, Ba Taizi. Wir haben uns natürlich nicht lumpen lassen und alles mitgenommen, was wir bekommen konnten. An dieser Stelle müssen wir jedoch auch unserem Fahrer einen großen Dank aussprechen, dass er uns trotz aller Sprachschwierigkeiten nie das Gefühl gab, einfach nur ein dämlicher Tourist zu sein, sondern uns mit Rat und Tat und Übersetzungsapp zur Seite stand. 

 

Ankunft also nach Plan um 06:30 Uhr am Bahnhof Datong, kurzen Halt in unserem Hostel, auf das wir später noch zu sprechen kommen werden und pünktlich um 08:00 Uhr hatten wir bereits unseren ersten Ausflug im Sack. Wie ihr seht, haben wir hier gar keine Zeit, um zur Ruhe zu kommen. Denn Ausruhen können wir uns auch zu Hause. So entschieden wir uns, da wir sowieso schon zeitig in der Gegend waren und unser Zimmer noch besetzt war, zu der Ganztages-Tour mit Besichtigung des hängenden Klosters und der allseits beliebten Yungang-Grotten. 

Bei dem hängenden Kloster handelt es sich, wie könnte es auch anders sein, um ein Kloster, das jedoch anders als andere Klöster, an einem Felshang auf Stützpfeilern errichtet wurde und dort nun einfach so abhängt und sein hängendes Dasein fristet. Glücklicherweise haben wir uns für eine Reisezeit entschieden, in denen es aktuell eigentlich so gut wie keinen Massentourismus gibt. Denn man möchte sich das Gedränge erst gar nicht vorstellen, das auf den Laufstegen zum Kloster hinauf herrschen muss, sobald die Saison angebrochen ist. Selbst unser Reiseführer in Buchform spricht schon davon, dass der Zugang zum Kloster bald gesperrt werden könnte. Genau aus diesem Grunde. Also, worauf warten? Wir waren doch jetzt da. Macht die Bude dicht. 

Es zeugt schon von einer wahren Meisterleistung der Ingenieurskunst, dass dieses Bauwerk all die Jahre (wohl erbaut im 6. Jhd.) beinahe unbeschadet überstanden hat und weder wackelt noch knarzt. Doch nicht nur das Kloster an sich ist die Reise wert, sondern auch das von Felsen umgebene Tal, in dem es liegt. Ein gar wunderprächtiger Ort. Man kommt aus dem Glotzen gar nicht mehr heraus. Und aus dem Foto schießen schon dreimal nicht. Man kann wirklich Stunden hier zubringen, doch die Vergangenheit hat uns gelehrt, dass man zwar alle Dinge genießen soll, sich jedoch ein zeitliches Limit setzen muss, um der Reizüberflutung zu entgehen und die Schönheit eines Ortes nicht aus den Augen zu verlieren. 

 

Glücklicherweise wartete unser Taxifahrer nach erfolgter Klosterarbeit immer noch auf uns, um sein Versprechen einzulösen, uns zu unserer zweiten Station des Tages, den Yungang-Grotten, zu befördern. Wenn ihr denkt, dass die Sehenswürdigkeiten nur einen Katzensprung voneinander entfernt sind, dann habt ihr Euch aber geschnitten. Die Fahrt dorthin dauerte noch einmal eine gute Stunde. Ausreichend Zeit, um auf dem Weg dorthin den Schlaf der Gerechten nachzuholen. Erst das Rumpeln auf den Parkplatz ließ die schweren Augenlider wieder emporschnellen. Waren wir wirklich schon da? 

Die Yungang-Grotten legen Zeugnis von meisterhaften Steinmetzarbeiten ab, die selbst für heutige Verhältnisse nicht wirklich begreifbar sind. Bereits im 5. Jhd. aus dem Sandstein herausgearbeitet, schmücken Statuen mit indischen, persischen und gar griechischen Einflüssen die insgesamt 252 Grotten. Bis alle Grotten beendet waren, haben sie nach Augenzeugenberichten knapp sechzig Jahre daran geackert, geschuftet und auf so manchen Urlaub verzichtet. Wir können zumindest jetzt mit Gewissheit sagen, dass sich diese Strapazen durchaus gelohnt haben. Wir waren mit ihren Arbeiten sehr zufrieden. Besonders gut gefallen hat uns der 17 m hohe Buddha in Grotte 5. Imposant, imposant. Sehr schade fanden wir allerdings, dass sie das Aussetzen des Besucherandrangs dazu nutzen, einzelne Grotten instandzusetzen und das betraf dieses Mal ausgerechnet Numero 6, die besonders farbenfroh gestalten sein soll. Doch der Anblick dieses von Menschenhand erschaffene Gesamtkunstwerk lässt die Enttäuschung darüber schnell verfliegen. Auch hier gilt wiederum das strickte Einhalten eines gewissen Zeitfensters, um sich nicht gänzlich zu verlieren.

Irgendwann erreicht man allerdings den Zeitpunkt, die Aufnahmefähigkeit des Tages deutlich überstrapaziert zu haben, möchte einfach nur abschalten und zur Ruhe kommen. Zu unserem Glück sind Annett und meine Wenigkeit so gut synchronisiert, dass uns der Mann mit dem Hammer meist zur selben Zeit erwischt. Und wo könnte man in diesem Moment am besten Entspannung finden, als in einem niedlichen, kleinen Hostel in der Altstadt von Datong mit einem Herbergsvater, der seinesgleichen sucht und irgendwie so gar nicht in die Servicewüste China passt. Völlig selbstverständlich bot er uns die hauseigene Waschmaschine zur Benutzung an, die Wäsche durften wir im ganzen Obergeschoss über Nacht zum Trocknen über das Geländer hängen und als Dank hierfür gab es von uns für ihn ein All-in-One Waschpad, das mit staunenden Augen in der Hand gedreht und bewundert wurde. Denn seine Übersetzungsapp teilte uns in akzentfreiem Englisch mit, dass er noch nie in seinem Leben so etwas gesehen habe. Gern geschehen und bloß nicht einfach so mit Wasser in Berührung kommen lassen. 

Ab einem gewissen Zeitpunkt schien er sich in unserer Gegenwart offenbar so Wohl gefühlt zu haben, dass er mit uns das Gespräch einfach fortan auf Chinesisch in Begleitung von Händen und Füßen führte. Und sollen wir Euch was sagen? Es hat funktioniert. Wir bekamen alles, was wir brauchten, konnten ihm zum Abschluss für seine großartige Gastfreundschaft danken und wurden morgens mit einem fröhlichen, überschwänglichen Winken zu unserem letzten Frühstück begrüßt. Diese Begegnung werden wir immer ganz vorne in unserem Reisekämmerchen mit uns herumtragen und jedes Mal hervorholen, wenn es einmal nicht ganz so rund mit den Servicekräften auf Reisen läuft. Kann ja nicht mehr allzulange dauern. 

Bevor es uns jedoch weiterzog, hatten wir noch eine Mission zu erfüllen, die wir tagszuvor mit unserem Fahrer ausgeheckt hatten. Ungefähr 80 km von Datong entfernt liegt an der Grenze zur Inneren Mongolei eine Sehenswürdigkeit, bei der bis heute ungeklärt ist, wie sie hierhin kam oder wer sie am Ende kaputtgemacht hatte. Es ist die Rede von den Überresten einer gotischen Kirche, von der allerdings nur noch der Glockenturm sowie Umrisse des Kirchenschiffes zu besichtigen sind. Ganz klar unterschätzt haben wir dabei die wunderschöne Kulisse, die wir ganz alleine mit unserem Fahrer und seinem Neffen, der gerade aus Boston im US-Bundesstaat Massachussetts zu Besuch war, genießen durften. Kein Security-Check oder Ticket Office. Einfach nur die Kirche, das weite Land mit Blick auf ein Teilstück der großen Mauer, das sich am Horizont verliert und einem Schäfer, der unbeeindruckt von unserer Anwesenheit seine Schafe an die Oase auf der anderen Seite des Hügels brachte,  und natürlich uns. Eine sehr friedvolle Gegend, die Sinnbild für unsere Zeit in dieser Region werden sollte und einen Platz in dem Kämmerchen gleich neben dem Herbergsvater bekommen wird. Da die Wege eher schlecht als recht ausgebaut sind, muss man sich seinen Weg teilweise durch unwegsames Gelände suchen, wobei unser Fahrer doch glatt die Geduld aufgebracht hat, mit Argusaugen darauf zu achten, dass wir auch wieder heil aus der Nummer herauskommen. Dank seines Neffen Tony (oder schreibt man das To Ny?) hatten wir plötzlich und unerwartet sogar einen Dolmetscher an Bord, der uns diese Reise sogar noch einfacher gestaltete als am Vortag. Für ihn war das heutige Programm ebenfalls alles Neuland; war gerade nämlich für eine Woche zu Besuch und wollte die Zeit dazu nutzen, etwas von seinem Heimatland zu entdecken, das er noch nicht kannte. 

Völlig untypisch für das chinesische Hinterland wären eigentlich schon die Überbleibsel der Kirche, doch damit nicht genug. Wie es sich für die katholische Kirche gehört, befindet sich nur wenige Meter daneben der Kreuzigungsweg, der die dreizehn Stationen der Kreuzigung Jesus Christus in Reliefs wiedergibt und sich etwas unwirklich durch diese bezaubernde Gegend zieht. Und wie es sich für ordentliche Angehörige der evangelischen Kirche gehört, sind wir den Weg natürlich rückwärts gegangen. Das Resultat war aber das Gleiche. 

 

So ging traurigerweise unsere fetzige Zeit in Datong zu Ende, doch zur Belohnung, weil wir so brave Erdenbürger waren, brachte uns unser Fahrer morgens noch höchstpersönlich zum Bahnhof. Und dann passierte auch noch etwas, das für uns bisher völlig undenkbar war. Er nahm von uns kein Geld an. Einfach kostenlos zum Bahnhof gebracht, mit Shakehands verabschiedet und so war also endgültig die Zeit gekommen, unsere sieben Sachen über die Straße zu buckeln und den Zug nach Pingyao zu besteigen. Ende der Geschichte.