Was in Macau passiert, bleibt in Macau!

(Montag, 20. November 2017)

 

So schnell kann das hier in China gehen. Gestern noch Fünf Sterne, heute schon wieder Kammer ohne Ausblick. Dabei klangen die Bewertungen so vielversprechend. Von Mord und Totschlag war darin jedoch nichts zu lesen. Gestern nämlich war unsere letzte Nacht (Gott sei Dank) in unserer zentralen Hongkonger Unterkunft im Stadtteil Kowloon in der Nathan Road. Nur einen Katzensprung von dem Fähranleger nach Hongkong Island entfernt. Wie es sich für einen gebührenden Abschied jedoch gehört, wurden wir nächtens durch lautes Stimmen-Wirrwarr aus dem Schlaf gerissen. Die eine Seite wollte Geld zurück, die andere ihres behalten. Von Polizei war die Rede und die Partei, die sich über das Ohr gehauen fühlte, ließ auf den Schließer (andere Worte kann ich für den Herbergsvater einfach nicht finden) sämtliche Kraftausdrücke auf ihn herniederprasseln, die sich in ihrem Repertoire befanden. Und das war wahrlich nicht gerade riesig. Doch das Gegenüber hielt dagegen und verwies darauf, in seinem trauten Heim keine bösen F-Wörter zu verwenden. Wir wurden hinter fest verschlossener und verrammelter Türe Zeugen eines offenen Schlagabtauschs zwischen Gauner und Gauner. Denn unsere Stimmenanalyse ergab, dass hier eindeutig beide Dreck am Stecken hatten.

Annett beichtete mir, nachdem sich die Streiterei dann endlich nach geschlagenen fünfzehn Minuten in Luft aufgelöst hatte, dass sie in Gedanken den Anruf bei der chinesischen Polizei bereits bis zum Ende durchgespielt hatte. Nur ohne Happy End. Denn der Hilferuf wäre nur erfolgt, wenn ein deutliches Würgen von der anderen Seite durch unsere Zimmertüre gedrungen wäre. Das Würgen blieb aus, die Ruhe kehrte wieder ein und beim morgendlichen Verlassen unseres Kämmerchen waren zudem keinerlei Spuren eines Verbrechens sichtbar. Jedenfalls keine, die nicht schon vorher da gewesen wären. Unsere Ferien konnten somit ohne größere Zwischenfälle fortgesetzt werden.

Von Shanghai nach Hongkong!

 

Die erste Überlegung bestand darin, uns auf eine 18-stündige Zugfahrt durch China einzulassen, um völlig erledigt und entkräftet am nächsten Nachmittag in einer der chinesischen Sonderverwaltungszonen anzukommen: Hongkong!

 

Bei den günstigen Kerosinpreisen und der einmaligen Gelegenheit, nur geringfügig teurer, dafür aber umso bequemer, weiterzureisen, fiel unsere Wahl allerdings auf einen Flug mit Cathay Pacific von Shanghai nach Hongkong. Etwas wackelig die Angelegenheit, aber bei näherer Betrachtung die richtige Entscheidung. Angesetzt war die Flugreise mit drei Stunden; unser Pilot brauchte aus bisher unerklärlichen Gründen gerade einmal zwei. Für mich als Vielflieger mit Flugangst kam der zeitige Boden unter den Füßen also wie gerufen. Hongkong, macht die Tore auf, wir reiten ein. 

Der Grund, weshalb Hongkong den Status einer Sonderverwaltungszone hat, liegt darin begründet, dass lange Zeit diese Stadt unter britischer Flagge regiert und erst im Jahre 1997 an China zurückgegeben wurde. Allerdings unter der Auflage, die nächsten fünfzig Jahre keinen Schabernack hinsichtlich Rechtsstaatlichkeit und freier Marktwirtschaft zu treiben. Und Facebook darf auch nicht gesperrt werden. So genau war letzteres zwar nicht in dem Vertrag zu finden, doch hätte dort nur zu gut hineingepasst.

 

In unseren kurzen vier Nächten in Hongkong haben wir nach bestem Wissen und Gewissen die Stadt erkundet, wie es Touristen nun einmal so machen. Haben unsere Flip-Flops geschnürt, begrüßten mit einem Lächeln im Gesicht den Tag und ließen kein öffentliches Verkehrsmittel aus, um möglichst schnell viel zu sehen. Ganz oben auf unserer imaginären Liste stand die Fahrt auf den Victoria Peak, ganz stilecht im Bus mit einem furchtlosen Fahrer am Steuer. Immer höher, immer weiter schraubte er sich über Serpentinen nach oben und ließ dabei von Zeit zu Zeit zwischen Sträuchern und Bäumen den Blick auf eine fantastische Kulisse am Fuße des Berges frei. Genau um diese Aussicht geht es am Ende bei der Fahrt auf ‚The Peak‘, denn von nirgends sonst genießt man einen solch erhabenen Blick über die Stadt als eben von hier oben. Weil wir uns am Tage immer noch nicht satt gesehen hatten, gab es am nächsten Abend noch ein kurzes Dessert in Form eines Sonnenuntergangs am Peak und anschließendem hell erleuchteten Antlitz der Stadt. Wir haben den Berg bis zum bitteren Ende ausgekostet und den Abstieg standesgemäß mit der Peak Tram vollführt. Vielleicht hätte uns aber auch ein Vögelchen zwitschern können, dass diese verdammte Bahn nicht einfach nur bergab fährt, sondern noch dazu rückwärts. Hätte ich mir allerdings auch gleich denken können, dass dort oben einfach zu wenig Platz zum Wenden ist.

Spätestens seit Shanghai sind wir offenbar so etwas wie Observation-Deck-Groupies. Immer vorne mit dabei, wenn es um die besten Blicke von ganz weit oben geht. Zwar nicht zu vergleichen mit dem eben erwähnten Victoria Peak, aber als höchstes Gebäude Hongkongs kann sich das International Commerce Centre (* im nachfolgenden nur noch ICC genannt) mit dem Sky100 in 393 m Höhe zurecht einiges auf diesen Blick einbilden. Unser Resümee, ob sich die Fahrt nach oben lohnt oder eben nicht? Aber klaro lohnt sich der Spaß. Denn das ICC liegt glücklicherweise etwas abseits, nicht unbedingt locker, flockig fußläufig erreichbar (und wir haben das getestet), aber genau aus diesem Grunde zur positiven Folge hat, dass man keine langen Schlangen vor dem Fahrstuhl fürchten muss und die wenigen Menschen dort oben genügend Platz haben, um sich aus dem Weg zu gehen und jeder für sich alleine seine Erfahrungen oder Erinnerungen in schwindelerregender Höhe sammeln kann. Für alles weitere gibt es die total fetzige Sky100-App, mit der man virtuell Fallschirmspringen, sich mit dem ICC auf Augenhöhe begegnen (wahlweise tagsüber oder nachts) und für das private Fotoalbum direkt zwischenspeichern kann, um im Anschluss in den Orbit der sozialen Netzwerke geschickt zu werden. Selbstverständlich ist das immer eine Frage des Geschmacks. Erinnert mich irgendwie an das Essen hierzulande. Dieses Thema sollte mir aber ein eigener Bericht wert sein. Wir wollen uns doch auf die letzten Berichtsmeter nicht den schönen Tag versauen.

Vier Tage reichen bei weitem nicht aus, um eine Stadt wie Hongkong wie die eigene Westentasche kennenzulernen. Dazu bedarf es schon einiges mehr. Auf der einen Seite können wir nachvollziehen, warum diese Stadt gerne mit unserer Lieblingsmetropole (neben Berlin) New York City verglichen wird, anderseits kann man sich aber nicht vorstellen, dass eine Liebe zu beiden zur gleichen Zeit bestehen kann. Denn es ist nur Platz für eine von euch in unserem Herzen. Hongkong ist bunt, schrill und laut. Kämpft stark, um die chinesischen Wurzeln nicht zu vergessen. Denn aus allen Ecken und Kanten wachsen wie Pilze Einkaufszentren aus dem Boden. Der Drang, dem Westen nachzueifern und Freiheiten auszukosten ist enorm. Gut ist, was teuer ist. Das in jedem Etikett das Quantitätsmerkmal ‚Made in China‘ hervorsticht, scheint niemanden zu interessieren. Wer etwas auf sich hält, kauft teuer ein. Manchmal fragt man sich, was denn heute der „kleine“ Mann macht bzw. dazu sagt. Wir waren erschrocken von so viel Neureich-Getue, wie in keiner anderen Stadt zuvor. Doch hiermit müssen die Menschen und die Stadt selbst zurechtkommen. Dabei können wir leider nur bedingt helfen.

Für uns sind all unsere Erlebnisse einfach nur Momente, die vergehen und als Erinnerungen zurückbleiben. Augenblicke, in denen man so gut, wie es nun einmal möglich ist, versucht, das Flair der Stadt aufzusaugen. Erfreulicherweise verdrängt man ganz schnell die negativen Aspekte, die es nicht wert sind, wertvollen Speicherplatz im Oberstübchen zu verschwenden. Es überwiegen immer - wirklich immer - die tollen Momente und Begegnungen einer Reise. Auf Grund des hoffentlich größeren Amüsementfaktors finden aber meist die anderen den Weg in unsere schriftlichen Aufzeichnungen. Das ist einfach Gesetz. Hinter den Kulissen jedoch sind wir einfach nette, zuvorkommende Reisende, über die sich jedes Land glücklich schätzen kann, solch zwei junge, fesche Menschen zu beherbergen. Es tut uns allerdings herzlich leid, dass wir nicht überall sein können. Doch wir arbeiten daran. Gebt uns einfach noch ein paar Jahre. Dann schauen wir auch bei Euch vorbei. 

 

Die ganze Geschichte unserer Reise erzählen wir Euch liebend gerne bei Kaffee und Kuchen, Tee und Keksen oder einfach nur Wasser und Brot. Sonderwünsche müssen selbst erfüllt werden.

 

Hiermit endet also der Sonderverwaltungszonenteil Eins. Auf zu neuen Ufern.

Von Hongkong nach Macau!

 

Macau wird gerne als das Las Vegas Chinas bezeichnet. Jetzt hätten wir da aber ein kleines Problem. Las Vegas ist bereits eine Kopie der Welt, nur eben im Kleinformat. Jetzt kommt da also diese chinesische Sonderwaltungszone daher und erhebt Anspruch darauf, eine offizielle Kopie der Kopie zu sein oder noch zu werden. Nur eben wieder einmal im Kleinformat. Das Endergebnis werden wir aller Wahrscheinlichkeit nach erst in einigen Jahren begutachten können, denn Bob Lee der Baumeister hat hier gerade noch alle Hände voll zu tun, die bebaubaren Löcher im Asphalt zu stopfen, um (so jedenfalls der Plan) den Las Vegas Strip (mal wieder) im Kleinformat nachzubauen. Wenigstens bleiben sie ihrem Motto ‚Copy with pride‘ in jeder Hinsicht treu. 

 

Macau war bis zum Jahre 1999 Portugiesisch und wurde erst dann, unter ähnlichen Auflagen wie Hongkong, an China zurückgegeben. Der Einfluss der Portugiesen ist der Region noch deutlich anzumerken, sei es in der Sprache, der niedlichen kleinen Häuser, die genauso gut in einem kleinen portugiesischen Dörfchen stehen könnten oder der vielen portugiesischen Spezialitäten.

Leider hatten wir nur knapp einen Nachmittag und einen Morgen Zeit, um eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt abzuklappern. Die Ruine der Kirche São Paolo mit den umliegenden Gebieten. Es hat aber einige Zeit gedauert, bis man endlich einen Ausweg aus dem Sog der Festlandchinesen gefunden hatte und man irgendwann lockeren Fußes das Fortaleza de Monte besteigen konnte, von der man einen herrlichen Blick auf die Halbinsel Macau mit den vielen Favelas (könnte auch etwas anderes gewesen sein, sah aber irgendwie aus wie Rio) und den Casinos, die in den chinesischen Himmel ragen, werfen kann. 

 

Wer schon einmal in Las Vegas verweilt hat, wird mit Sicherheit bestätigen können, dass der Reiz der Stadt von der ungezwungenen Kleiderordnung, dem ausgelassenen Lebensstil und einer Casinokultur ausgeht, die so wahrscheinlich in keiner anderen Stadt der Welt zu finden ist. Zum Abschluss unseres gestrigen Tages hatten wir die brillante Idee, die Stimmung aufzusaugen und eine kleine Runde das Spiel mitzuspielen, von dessen Regeln wir keinen blassen Schimmer hatten. Besser so. Denn es herrschte stimmungstechnisch regelrecht Totentanz. Das versaute gleich auf Anhieb unsere pure Lust am Glücksspiel. Überall standen Spieler an den Tischen, aber eine richtige Spielerparty war ganz und gar nicht im Gange. Man hatte sogar das Gefühl, dass einen alle Augen anstarrten, weil man in ein Territorium vorgedrungen war, in das noch nie ein Fremder einen Fuß hineingesetzt hatte. Was in Macau passiert, bleibt in Macau. Aber nicht, weil es so verrucht ist, sondern weil man das einfach niemandem erzählen darf. Würde einem wahrscheinlich sowieso niemand glauben.

Die Insel liegt gerade einmal 50 km von Hongkong entfernt und die Überfahrt dauert mit der Fähre auch nur eine knappe Stunde. Bei starkem Wellengang kann es allerdings vorkommen, dass euer Frühstück für die Katz’ war und ihr plötzlich wieder mit leerem Magen in dem Schaukelstuhl sitzt. Diese Qual mussten wir zum Glück nicht am eigenen Leib erfahren, sondern konnten aus sicherer Entfernung das Schauspiel aus der zweiten Reihe mitverfolgen. Hätte aber nicht viel gefehlt und ich hätte mein Häufchen daneben gesetzt. 

 

Wir werden unter Garantie eines Tages nach Hongkong und Macau zurückkehren, denn wir sind noch nicht fertig mit Euch. Und ihr nicht mit uns, wie es scheint. Es war eine aufregende Zeit. Doch irgendwann muss man seinen Hut nehmen und sich auf zu neuen Ufern begeben. Ihr habt euer Abenteuer tagtäglich in Eurer Stadt und wir sind ständig auf der Suche. Zu unserem Glück werden wir auch meist fündig. Wir sind bereits fündig geworden und müssen morgen der Sonne folgen, die uns den Weg weisen wird zu neuen Abenteuern in der achso spannenden Welt.

  

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