Hoch die Hände, Wochenende!

(Freitag, 17. November 2017)

 

Hallo aus Shanghai oder Bonjour, wie man hier im französischen Viertel sagen würde. Die Zeit in dieser faszinierenden Stadt neigt sich nun dem Ende. Wir sitzen hier bereits auf gepackten Rucksäcken, müssen außerdem gerade noch etwas Geduld aufbringen und unsere Check-Out-Time bis zum bitteren Ende ausnutzen. Man gönnt sich ja sonst nichts. Denn die letzten Nächte haben wir ganz nett und zuvorkommend in einem Fünf Sterne Hotel im Herzen Shanghais verbracht und waren wohl so gar nicht das Klientel, das hier normalerweise absteigt. Jedoch haben wir Füchse online ein unschlagbares Angebot entdeckt, das uns nicht lange fackeln ließ. Shanghai, here we come! Zudem sei gesagt, dass ich wohl noch nie so elegant einen meiner Berichte verfasst habe. Etwas befremdlich ist es allerdings, wenn man denn nicht wie ein Adlerauge aufpasst, gegen 8 Uhr am Morgen durch den Room Service geweckt zu werden, die um diese unchristliche Zeit bereits das Zimmer durchfeudeln wollen, man nach getaner Feudel-Arbeit schließlich die Hoffnung hegt, endlich Ruhe zu haben; die Rechnung wiederum ohne das hochmotivierte Team des Guest Service macht. Denn zur besten Vier-Uhr-Tee Zeit (man könnte regelrecht die Uhr danach stellen), klingelt es an unserer Türe (jawohl, es klingelt), nur um uns zwei Stücke feinster Zartbitterschokolade zu überreichen. Schönen Dank auch, aber das nächste Mal würde das Platzieren auf dem Kopfkissen vollkommen ausreichen. Merci beaucoup!  

Shanghai ist eine der großen Städte, wie wir sie mögen. Sie lädt zum Schlendern und Treiben lassen ein. Der erste Gang führt selbstverständlich zum Bund, der Promenade am Flüsschen Huangpu, von der man einen beeindruckenden Blick auf die Skyline von Pudong mit den wohl bekanntesten Bauwerken: dem Shanghai Tower, dem Oriental Pearl Tower sowie dem „Flaschenöffner“ - dem Shanghai World Financial Center genießen kann. Besonders beeindruckend selbstverständlich bei Nacht, wenn scheinbar jeder Yuan darin investiert wird, die Skyline so blitzend und blinkend zu illuminieren, wie es nur irgendwie möglich ist.

 

Auf dem Bund gegenüber der Skyline spiegelt sich dagegen ein anderes Bild wider, nämlich das einer längst vergangenen Zeit mit Gebäuden im Art-déco-Stil, in jedoch wirklich hervorragendem Zustand. Diese Kombination aus Alt und Neu ist wahrscheinlich für die Faszination, die von dieser Stadt ausgeht, mitverantwortlich.

Allem Anschein nach hat jedes neuere Gebäude in dieser Stadt, das mehr Etagen als nur einen Keller bietet, eine Aussichtsplattform im Angebot. Da dabei nicht nur guter Rat teuer ist, sondern die Ticketpreise für chinesische Verhältnisse ganz schön gesalzen sind, fiel unsere erste Wahl auf den Shanghai Tower. Der Shanghai Tower ist aktuell nämlich das höchste Gebäude Chinas und hat unseren Zuschlag bei der Wahl des Mister Tower bekommen. Rekordverdächtig hierbei ist nämlich schon alleine der Fahrstuhl, der einen in Windeseile vom Erdgeschoss in eines der oberen Stockwerke katapultiert. Man munkelt hinter vorgehaltener Hand etwas von einem Weltrekord mit über 70 km/h. Kurzzeitig wussten wir nicht recht, ob man vielleicht auf das Shrimps-Reis-Gericht zum Frühstück besser hätte verzichten sollen. Zu deren Glück jedoch gab es keine erwarteten Zwischenfälle und sind nach nur knapp einer Minute wohlbehalten auf dem höchsten Skydeck der Welt angekommen. Aussichtsplattformen, wie man sie mittlerweile in jeder Metropole findet, sind absolut touristisch und bestimmt kein Geheimtipp mehr, aber wir lieben es, eine fremde (oder gar die eigene) Stadt von dort oben, aus der Vogelperspektive, zu betrachten. Wenn man diesen Blick noch dazu aus einem der höchsten Gebäude genießen kann, fühlt man sich wie der König der Welt. Wenn nur nicht die anderen, die Laufburschen, um einen herumschwirren würden. Man sagt, dass man bei klarem Himmel von dort oben prima die Erdkrümmung sehen kann. Jetzt dürft ihr nur ein einziges Mal raten, wer keinen glasklaren Himmel hatte? Erdkrümmung hin oder her, vielleicht ist die Erde eine Scheibe. Tatsache ist, dass dort oben zu stehen und auf die chinesische Welt hinunterzuschauen, eindeutig für fehlende Krümmungen (welcher Art auch immer) oder diesigen Horizont in weiter Ferne entschädigt. Dies war also unsere Nummer Eins der Mister-Tower-Wahl. Wo die Eins ist, kann die Nummer Zwei allerdings nicht weit sein.

Die Recherche am Morgen ergab, dass der Oriental Pearl Tower etwas ganz besonderes für Besucher wie uns bereithält. Die Aussichtsplattform hinter Glas ist okay (gähn), doch der Hauptgrund, weshalb es dieser Turm bei uns auf’s Treppchen geschafft hat, war eindeutig der Skywalk. Dieser, sei noch einmal für die Schwindelfreien unter Euch gesagt, liegt in knapp 300 Metern Höhe über Shanghais Straßen und gibt durch einen Glasboden den Blick nach unten frei. Ganz cool, wie wir nun einmal sind, haben wir trotz schlotternder Knie, uns die unangenehmen ersten Schritte auf dem transparenten Fußboden kaum anmerken lassen. Da ständig irgendwelche Menschen mehr oder weniger fotogen und zudem kreuz und quer auf dem Boden lagen, konnte man unsere erste Unsicherheit prima damit kaschieren, dass man den auf einem Haufen liegenden Menschen dringend ausweichen müsse. Wie das Leben aber so spielt, gewöhnt man sich irgendwann an alles. So räkelten also auch wir uns bald auf dem gläsernen Fußboden, spazierten herum und hielten den Moment in einem kleinen Video für die Nachwelt fest (die Veröffentlichung ist für die Filmfestspiele in Cannes geplant).

Keine Vorstellung hatten wir allerdings darüber, wie schwierig es sein würde, nach unserem kleinen Höhen(aus)flug wieder die Fahrt in Richtung Boden der Tatsachen anzutreten. Bis wir nämlich in der Lobby des Towers angekommen waren, mussten wir den Fahrstuhl öfter wechseln, als… naja, sucht Euch etwas aus. Wenn ihr den Turm nämlich mal etwas näher betrachtet, stellt man fest, dass sich viele verschiedene Plattformen darin befinden und damit sich die Unspektakulären darunter bloß nicht benachteiligt fühlen, jagt man die Personen, die wieder nach unten wollen, einfach durch jedes zu besichtigende Stockwerk. Ohne Wenn und Aber. Den Plan im Falle eines Notfalles möchte ich mal gerne sehen. Regel Nummer 1: ‚Sie kommen hier erst raus, wenn sie sich verdammt nochmal alles angeschaut haben!‘ 

 

So sicher, wie wir nach oben kamen, sind wir aber letzten Endes auch wieder im Erdgeschoss angekommen, obwohl wir zwischendrin wirklich gar nicht mehr daran geglaubt hatten. Vermutlich waren wir einfach nur immun gegen deren Tricks, uns dort oben zu behalten und als winkende Ticketkontrolleure in das Team zu integrieren.

Jetzt möchten wir aber noch ein paar allgemeine Worte über die Stadt loswerden, die uns tief beeindruckt, aber auch hin und wieder einiges an Nerven gekostet hat. Bevor wir unsere Reise antraten, erzählte man uns davon, dass in Shanghai viel Englisch gesprochen wird. Leider wissen wir nicht, ob wir da über das selbe Shanghai gesprochen haben, denn wenn so sein sollte, scheinen sich die englischsprachigen Einwohner der Stadt gut vor uns versteckt zu haben. Oder waren vielleicht gerade den Rest ihrer Familie in Großbritannien besuchen. Shanghai, muss nämlich gesagt werden, ist keine Stadt, die man an wenigen Tagen erkundigt. Dafür benötigt man schon etwas länger. 

Generell hat man zur Unterstützung seiner Rastlosigkeit die Möglichkeit, teil einer Hop-On, Hop-Off-Bustour zu werden, mit Stopps an den sehenswertesten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Klingt komisch, ist aber so. Wir zumindest wendeten uns vertrauensvoll (mal wieder) an die Kumpels von Big B Bus. Bereits in San Francisco und New York City getestet und für akzeptabel befunden, wird in Shanghai doch nichts schief laufen. Pustekuchen. Da hätten wir auch gleich das Geld nehmen und es im Huangpu versenken können. Die Informationen, die einem im Bus sitzend über Kopfhörer ins Ohr gesäuselt wurden, waren teilweise veraltet und eigentlich so gar nicht spannend. Die Betreiber schienen offenbar mir denen vom Oriental Pearl unter einer Decke zu stecken. Kaum eine Station im Bus verbracht und endlich eine bequeme Art des Sitzens gefunden, wurden alle Fahrgäste - selbstverständlich auf Chinesisch - gebeten, den Bus zu verlassen und in einen anderen umzusteigen. Normalerweise sollte eine solche Fahrt dazu dienen, die geschundenen Muskelkater-Beine etwas zu entlasten und nur auszusteigen, wenn man es denn wirklich möchte. Doch wir verbrachten den Großteil des Tages mit irgendwelchen Buswechseln. Vielleicht haben wir aber auch das Kleingedruckte nicht beachtet und haben an einer Staffel-Busfahrt teilgenommen. Ob die Staffel jemals ins Ziel kam, können wir leider nicht sagen, denn wir haben zum Glück rechtzeitig die Reisleine (versteht ihr? Reisleine!!!) gezogen und ließen uns zum Abschluss des Tages in unserer Herberge ein Bad in unserer Fünf-Sterne-Wanne ein. Bei Zartbitterschokolade und Kaffee ließen wir dann noch einmal den Tag Revue passieren und blickten nach vorne, nicht zurück.

Wohin genau wir blickten, möchten und wollen wir Euch noch nicht verraten. Bleibt einfach dran, dann verpasst ihr auch nichts. Wir müssen jetzt schon wieder losziehen und Besichtigungs-Sachen machen. Gute Nacht, Freunde. Es ist Zeit für uns zu gehen. Schaut doch bald wieder rein, denn etwas Spaß muss sein. Hoch die Hände, Wochenende! Bevor das hier jetzt aber ausartet, verabschieden wir uns lieber kurz und schmerzlos mit freundlichen Füßen.  

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