Eine Nacht in der Khao Soi Road!

(Montag, 17. Dezember 2018)

 

Heute möchten wir zur Abwechslung einmal auf etwas zu sprechen kommen, worüber wir in der Vergangenheit, soweit ich mich noch erinnern kann, kein Sterbenswörtchen verloren haben. Es fängt mit E an und endet auf ssen. Richtig kombiniert. Ich werde heute über das vielseitige Essen philosophieren. Naja, genau genommen eigentlich nur über ein einziges Gericht, doch das wird es in sich haben. Dann haltet mal Eure Eiernudeln fest, denn der Ritt wird wild. 

 

Chiang Mai, eine Stadt im Norden Thailands, nur eine knappe Flugstunde von der Hauptstadt Bangkok entfernt, eignet sich perfekt, um zu Entschleunigen und die Gegenwart in all ihrer Gesamtheit zu genießen. Morgens steht man auf auf, Abends geht man ins Bett (jedenfalls in unserem Alter). Und dazwischen warten ausreichend Tempel darauf, besichtigt zu werden. Denn kein Besuch in Chiang Mai kann komplett sein ohne eine ausgiebige Tempeltour zu Fuß. Weil man auf einem Bein allerdings weder stehen noch gehen kann, braucht der Motor zur richtigen Zeit den richtigen Treibstoff. Und da wir den vorliegenden Bericht von Anfang an unter gar keinen Umständen dafür missbrauchen wollten, Euch zu beschreiben, wie man wo hinkommt, was ihr unbedingt sehen solltet oder was hier in der Stadt gerade der neueste Shit ist, steigen wir am besten gleich ein in unser kleines Kulinarium meiner neuen Leibspeise. Für alles weitere bieten gut sortierte Buchhandlungen Reiseführer an, manchmal aktuell, manchmal etwas veraltet. Doch ob ihr am Ende wirklich richtig steht, seht ihr schließlich, wenn das Licht angeht. Die letzten Tage haben zwar ein weiteres Mal gezeigt, dass bei manchen Reisenden schon lange kein Licht mehr angeht, doch das hebe ich mir vielleicht für einen weiteren Artikel auf. Kann zur Stunde nämlich meine Karmapunkte noch ganz gut gebrauchen. Doch ich schweife mal wieder ab.

Wichtig zu erwähnen wäre, dass wir in Thailand, bisher zumindest, noch nie hungrig zu Bett gehen mussten. Eher im Gegenteil. Mittlerweile wird hier bei Bedarf zwar selbst der westliche Gaumen bedient, doch ganz besonders die einheimische Küche hat alles zu bieten (und es uns deshalb so angetan), wonach einem nach einem langen Fußmarsch der lechzende Magen steht. Die regionalen Unterschiede lassen außerdem kein Fünktchen Langeweile im thailändischen Speiseplan aufkommen. Dessen könnt ihr Euch sicher sein. Ihr könnt es spicy haben oder völlig ungewürzt und fade. Chicken, Beef or Pork? Oder vielleicht doch etwas, das zwar aussieht wie Chicken, sogar entfernt schmeckt wie Chicken, aber gar kein Chicken ist? Verwandtschaftsgrad unbekannt. Letztendlich ist nur entscheidend, ob etwas geschmeckt hat oder das einzige Gericht der Welt war, bei dem Maggi Fix für Garküchen wahre Geschmackswunder vollbracht hätte. Alles andere ist zweitrangig. Eine weitere Regel sollte man sich im Notfall aber dann doch noch im Hinterkopf behalten: ist es bezahlt, bleibt es verdammt nochmal drin.

Die beste Khao Soi Köchin der Welt. Sie hat mich auch gleich als Wiederholungstäter wiedererkannt.
Die beste Khao Soi Köchin der Welt. Sie hat mich auch gleich als Wiederholungstäter wiedererkannt.

Kommen ich jetzt dann mal zum Punkt?

 

So wie das inoffizielle Aushängeschild der Chiang Mai’schen Küche - dem Khao Soi, dem es einer Schande gleichkäme, gleich danach alles wieder zu Erbrechen. Denn ich habe im Selbstversuch getestet, dass diese Reaktion selbst bei Überdosierung nahezu unmöglich zu sein scheint. Kurz zur Erläuterung: Es handelt sich dabei um ein Weizen-Eiernudel-Gericht mit pikanter Currysauce (es wird nicht so scharf gegessen, wie es gekocht wird), das selbstverständlich auch für jeden Gaumen in mehreren Variationen erhältlich ist. Ich entschied mich standardmäßig für das Khao Soi Chicken, das nach Bestellung noch ordentlich mit einem strammen Hühnerschenkel versehen und am Ende mit gebratenen, krossen Nudeln garniert wird. Für die volle Dröhnung werden rohe, rote Zwiebeln sowie eingelegtes Gemüse gereicht, die man nach Belieben hinzufügen kann. Den letzten kulinarischen Schliff erreicht man durch das Darüberträufeln frischen Limettensafts, nur echt direkt aus der Frucht. Habt ihr alles nach Anleitung durchgeführt, ist es entfacht: das Feuerwerk der Geschmacksknospen. 

 

Preislich hält es sich im Übrigen für den Otto-Normal-Europäer ebenfalls in Grenzen. Denn um ein gelungenes und befriedigendes Khao Soi zu bekommen, wurde unsere Reisekasse jeweils mit 40 bis 60 Baht belastet. (Der Einfachheit halber sagen wir: 40 Baht entsprechen ungefähr 1 Euro). Da freut sich verständlicherweise jeder Igel in der Tasche. Und nahm ich gleich zum Anlass, mittags mit einem guten Khao Soi in den Nachmittag zu starten, Nachmittags den Speicher für den bevorstehenden Abend zu füllen und so weiter und so fort. Übrigens sehe ich die Theorie, dass es ungesund sei, mit vollem Magen ins Bett zu gehen, als widerlegt an. Hat prima funktioniert. Man wacht am nächsten Morgen sogar satt auf. 

Cold Turkey has got me on the run

 

Ich glaube, ohne aber jemals einen Experten zu Rate gezogen zu haben, dass ich nach den vergangenen vier Tagen an einer nicht ganz ungefährlichen Khao Soi Sucht leide. Zu meinem Bedauern führte die hiesige Apotheke zudem keines der Khao-Soi-Entwöhnungspflaster, die man sich nach guter, alter Manier auf den Oberarm klebt und innerhalb kurzer Zeit frei von jeglichem Verlangen nach nordthailändischer Kochkunst ist. Da bleibt mir wohl nur, knallhart den Cold Turkey durchzuziehen. Doch wo bekomme ich hier denn verdammt nochmal einen Truthahn her, und noch dazu einen kalten? Fragen über Fragen. 

 

Zur aktuellen Stunde befinden wir uns nämlich bereits an der Grenze zu Laos und werden morgen hoffentlich wie geplant in den Mekong stechen (Frage an die Seebären da draußen: nennt man das so?), um in einer zweitägigen Bootsfahrt irgendwann in Luang Prabangs Hafen einzulaufen. Nach dem Abenteuer des vollen Magens wartet bestimmt irgendwo dort draußen bereits das nächste auf uns und hält noch einiges an Überraschungen für uns bereit. Wir sind gewappnet und auf alle Unannehmlichkeiten vorbereitet. Nur schmutzige Sachen, das mache ich wahrlich nicht. Und keiner kann mich zwingen.

Erste Hochrechnungen

 

Wie hat Euch denn jetzt mein kurzer Bericht zur Lage der vollgefressenen Nation gefallen? Immer her mit Euren Meinungen, positiver wie negativer Kritik, Rezeptvorschlägen, Essenseinladungen oder der Ehrenmitgliedschaft im Khao Soi Fanclub. Ich bin für alles zu haben. Nur schmutzig, das solltet ihr mittlerweile wissen, sollte es nicht werden. Jetzt bedanke ich mich aber vielmals für Eure Aufmerksamkeit. Wenn ihr jetzt sehen könntet, wie ich mich vor purer Dankbarkeit verbeuge. Es ist immer wieder erquickend, Erlebnisse und die daraus resultierenden Erfahrungen, in einem kleinen Schriftstück festzuhalten und zu sehen, dass diese auch gerne gelesen werden. Weiter so. Jetzt muss ich aber noch ein kurzes Geständnis abliefern und bin mir nicht sicher, ob ich nicht vielleicht schon aufgeflogen bin, aber… ein Khao-Soi-Entwöhnungspflaster gibt es in der Realität gar nicht. Es tut mir leid. Somit verliere ich wohl endgültig den Status einer Reality-Reiseberichterstattung. Vielleicht bekomme ich dann endlich eine eigene Kolumne in einer großen deutschen Tageszeitung, die bekanntlich immer als erstes mit den Toten spricht.

 

Ich wünsche Euch zu Hause nachher eine angenehme Nacht, einen geruhsamen Schlaf und geht ruhig mal mit vollem Magen zu Bett und wacht satt wieder auf. DAS ist der neueste Shit. Dann könnt ihr Euch nämlich gleich das Frühstück sparen. Nichts zu danken. Gerne geschehen. Jetzt verabschiede ich mich auch schon wieder und muss raus und muss raus und muss geehhhn.