Auf der Mauer, auf der Lauer!

(Samstag, 04. November 2017)

 

So, hier kommt also der zweite Teil unserer langersehnten, oft kopierten und doch nie erreichten Peking-Saga. Noch einmal kurz sammeln und genau überlegen, wo wir das letzte Mal denn stehen geblieben sind? Wir waren, glaube ich, im Olympiapark, der für die olympischen Sommerspiele 2008 angelegt wurde. Sollten hierzu noch Fragen bestehen, wird Ihnen in wenigen Minuten ein freier Mitarbeiter zur Verfügung stehen. Please hold the line!

 

Puh… hatte gedacht, die Kurve bekomme ich nie. Ehe wir uns versehen, stehen wir auch schon gegenüber der Verbotenen Stadt auf dem Tian’ anmen Platz, der mit seinen 440.000 Quadratmetern der größte öffentliche Platz der Welt ist - so munkelt man. Rings herum geben sich alle Gebäude die Ehre, die in China Rang und Namen haben. In östlicher Richtung finden wir das Chinesische Nationalmuseum, am südlichen Ende steht das Qianmen - das vordere Tor - das einst zur inneren Stadtmauer gehörte. Doch da es heute keine Stadtmauer mehr gibt und ihnen offensichtlich die Kraft gefehlt hatte, das Tor auch noch einzureißen, ragt es nun imposant mit seinen vierzig Metern am Ende des Platzes in den chinesischen Himmel. Und wird dort wahrscheinlich noch weitere 600 Jahre überdauern. Wenn wir dann einfach rundherum weiterschlendern, stehen wir alsbald auch schon vor der im Westen befindlichen Großen Halle des Volkes. Inmitten des Platzes, wie könnte es auch anders sein, steht das für Maos einbalsamierten Leichnam erbaute Mausoleum. Unser Reiseführer in Buchform ließ uns wissen, dass es jeden Tag außer Montags von 7 bis 12 Uhr geöffnet hat. Also dorthin getigert, pünktlich, damit wir nichts verpassen, doch wenn ihr bis jetzt immer dachtet, dass Sachsen-Anhalt das Land der Frühaufsteher ist, müsstet ihr mal die Chinesen kennenlernen. Hatten uns schon auf eine elende Schlange vor dem Mausoleum eingestellt, doch… nüscht. Niente. Nada. Nothing. Naja, vielleicht schläft der Herr ja heute etwas länger oder hat bis Nachts mit seinen Kumpels das beliebte chinesische Kartenspiel Mao Mao gespielt. Who knows. Um das Ganze hier mal kurz zu fassen und ohne Umwege zum Punkt zu kommen. Die Bude hat nicht mehr geöffnet. Blieb geschlossen. Türen verrammelt und verriegelt. Stattdessen haben sie alle Menschen vom Platz getrieben und eine Parade vorbereitet, vermuten wir mal. Denn aus purer Enttäuschung haben wir den schnellstmöglichen Weg nach draußen gesucht und sind verduftet. Mit Mausoleen habe ich bisher immer etwas Pech gehabt. Im Jahre 2012 standen wir vor Lenins Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau vor verschlossenen Türen, weil er gerade wieder frisch gemacht wurde und jetzt, hier und heute, auch noch das.  

Deshalb denke ich, ihr seid jetzt so weit, dass ich Euch über unsere Reise zur chinesischen Mauer aufklären kann. Da wir die Planung des Besuches der großen Mauer so lange herausgezögert haben, hatten wir keine andere Wahl, als spontan eine Tour zu buchen, bei der wir uns um nichts mehr kümmern müssen. Dachten wir zumindest. Die Enttäuschung über das miserable Preis-Leistungs-Verhältnis stand uns noch den ganzen Abend ins Gesicht geschrieben. Deshalb ist nachfolgende Nachricht nur für Dich, unseren Fahrer:

„Pass ma uff Keule. Wenn de meinst, nur durch deene bloße Anwesenheit den Leuten die Kohle aus der Tasche zieh’n zu müssen, da haste Dir aber jeschnitten. Deene Schwester kann zwar janz jut kochen, aber dett war nüscht, wat wir nich och mit unser’m Wok von Tefal hinbekommen hätt’n. Verstehste? Und abjemacht war och, Abholung im Hotel (hat ja och jeklappt), aber och dat de uns wieder zurückbringst. Und nich’ zum Airport Express. Da haste aber große Oogen jemacht, als wir dette am Ende ordentlich verrechnet ham. Keen Widerspruch, abjemacht is abjemacht. Een Mann, een Wort. Und dat dat Teilstück der Mauer och nich dat jeilste war, merkste hoffentlich och. Ick würd’ ja jetze so jern sagen, dat de in deiner Stadt nie wieder nen Job bekommst, aber ick werd’ erst mal nich mehr in Deine Stadt zurückkomm’. Versprochen.“

Für alle anderen sei erklärt, dass wir eine für chinesische Verhältnisse etwas kostspieligere Tour mit durchweg positiven Bewertungen gebucht haben, die uns das Gefühl gaben, richtig mit unserer Entscheidung zu liegen. Wie man sich nur irren kann. Erst die geplante Abholung um gute drei Stunden verzögert (sei zu neblig bla bla bla) und uns dann auch noch ein Ohr abkauen, dass um 9:30 Uhr überraschenderweise ein erheblicher Stau in Peking herrscht. Wir haben unsere Fälle bereits davonschwimmen sehen. Der erste Halt war dann endlich an den Ming Gräbern angedacht, ursprünglich nicht inkludiert, aber als Option angeboten. Deshalb war uns auch vollkommen klar, dass wir hierfür den Eintrittspreis selbst berappen mussten. Für völlig Ortsfremde wäre es an dieser Stelle von Vorteil gewesen, wenn man uns nicht einfach aus dem Auto  geschmissen und uns so mir nichts dir nichts auf die Menschheit losgelassen hätte. Wir hatten uns im Vorfeld bereits dazu entschieden, auch nur die Grabstätte Chang Ling zu besichtigen, um etwas Zeit zu sparen. (Zur Information: Die Ming-Gräber bestehen aus drei zu besichtigenden Gräbern: Chang Ling, Ding Ling und Zhao Ling) Doch zu allererst startet man erst einmal am sacred way, dem Seelenweg, passiert diesen von Steinfiguren flankierten Weg, um am Ende vom Fahrer in Empfang genommen zu werden und endlich zum Eingang unserer gewünschten Sehenswürdigkeit gebracht zu werden. Ohne Kommentar oder Hilfe bei etwaigen Sprachschwierigkeiten, da unser Chinesisch immer noch sehr eingerostet schien. Genau aus diesem Grund entscheidet man sich ja eigentlich in eher unbekannten Gefilden für einen Guide. Da wir aber nicht aus Dummsdorf sind (im Gegensatz zu anderen) und uns keine Situation aus dem Konzept bringt - nur tierisch aufregen - kann, haben wir trotzdem alles einwandfrei gemeistert. Sprechen zwar jetzt keinen Brocken Chinesisch mehr, doch wir bekommen, was wir wollen - oder wofür wir bezahlt haben. In der Grabstätte Chang Ling selbst sind der Leichnam des Kaisers Yongle, der von 1402 - 1424 regierte, mit seiner Frau und 16 Konkubinen begraben. Erinnert hat es uns aber eher an eine Miniaturausgabe der Verbotenen Stadt denn an eine Grabstätte, nur ohne andere Menschen. Doch keinesfalls hässlich. Wir sind froh, hierher gekommen zu sein, um jetzt mal eindeutig klarzustellen, dass wir den Groll, den wir auf den Fahrer hegten, nicht auf die Attraktionen herunterzubrechen gedenken. China hat wirklich fantastische Schätze zu bieten und irgendwann steht man vor der schwierigen Aufgabe, zu entscheiden, wohin die Reise gehen soll. Ein einzelnes Leben scheint hierfür einfach nicht auszureichen. Man kann nicht alles sehen, aber man sollte es versuchen.

 

Wenn man zur Großen Mauer möchte, hat man viele verschiedene Anlaufpunkte. Der wohl touristischste ist mit Abstand wohl in Badaling zu finden. Dies hat den Vorteil, dass sich die Anreise mit Auto oder Bus leichter bewerkstelligen lässt, da die meisten Tourenanbieter genau diese in ihr Programm aufgenommen haben. Wir hingegen entschieden uns da lieber für einen abgeschiedenen Teil bei Xiangshuihu , der sich so vielversprechend in dem Angebot - und den dazugehörigen Bewertungen - anhörte, dass wir es einfach nicht missen wollten. Den Eingang zur Mauer betritt man über einen kleinen idyllischen Staudamm, der allerdings schon seit vierzig Jahren nichts mehr zum Stauen hat. So sagte man uns zumindest. Kein Wasser mehr vorhanden, einfach alles ausgetrocknet. Anschließend jagen einen die ersten fiesen Treppenstufen nach oben zum Wachturm, um von dort auch schon den Blick auf den restlichen teilrestaurierten Mauerabschnitt freizugeben. Da fiel unser Blick auch schon auf das überdimensionale Schild, das darauf hinwies, das der weitere Abschnitt für die Öffentlichkeit gesperrt sei. Leider war es so groß, dass man am Ende nicht hätte behaupten können, man hätte es nicht gesehen. Deshalb entschieden wir uns lieber dafür, nicht in Ungnade zu fallen, obwohl... wo kein Kläger, da kein Richter. Der einzige Kläger wäre an dieser Stelle nur unser Fahrer gewesen. Obwohl ich ihm das auch noch zugetraut hätte, wies dieser nur darauf hin, dass es sich bei den Schildern nur um zu ignorierende Informationen handele. Um dem ganzen Nachdruck zu verleihen, holte er sich sogar noch die Absolution der Dorfbevölkerung ein. Dann bin ich eben noch einmal losgestiefelt, um unserem Fahrer zu beweisen, dass es noch mehr braucht, um uns um die Ecke zu bringen. Das Resultat war tierischer Muskelkater am Morgen danach. Das hat man davon. Hätte ich Annett dort unten mal lieber Gesellschaft geleistet, dann wären mir diese Unannehmlichkeit erspart geblieben. Als kleinen Lichtblick hatte ich aber hoffentlich erträgliche Bilder der Großen Mauer im Gepäck. So fanden wir also nach der anfänglichen Enttäuschung, dass es nicht mehr weitergeht, den Frieden mit der Mauer. Die Frage, die wir uns aber stellen mussten war, was denn gewesen wäre, wenn wir nicht auf eigenen Wunsch hin zu den Ming-Gräbern gefahren wären und ich nicht noch einmal den Aufstieg gewagt hätte. Dann wäre die Tour bereits erledigt gewesen, bevor sie überhaupt angefangen hat. Ausgewiesen war der ganze Trip nämlich mit acht Stunden, wohlgemerkt ohne die Ming-Gräber. Wäre spannend gewesen, zu sehen, wie er die restlichen sechs Stunden hätte füllen wollen. Wir werden es wohl in diesem Leben nicht mehr erfahren.

Ebenfalls nicht im Preis enthalten war das Mittagessen, das sich, wie sich herausstellte auf ungefähr 65 Yuan belief, was einem Betrag von knapp neun Euro entspricht. Da die Schwester nichts für ihren Bruder kann, muss man fairerweise anerkennen, dass das Essen ganz lecker war. Das mit der Raffinesse hielt sich allerdings in Grenzen. Wir zumindest haben den Gegenwert der neun Euro einfach nicht erkennen können. Waren ja schon froh, dass uns Maggi Fix für Chinapfanne erspart geblieben ist. Egal wohin die Reise geht, ein wenig Verlust hat man immer zu vermelden. Denn die Nepper-Schlepper-Bauernfänger lauern hinter jeder Ecke. Wir trauern keinesfalls dem lieben Geld hinterher, das wir dabei verlieren, doch uns ärgert der anscheinend vorherrschende Gedanke, dass bei uns zu Hause eben dieses auf den Bäumen wächst.  

Das das alles auch anders laufen kann, erfahrt Ihr aber in freudiger Erwartung in unserem nächsten Bericht über unsere Zeit in Datong, wo wir seit Donnerstag verweilen, morgen aber leider wieder die Zelte abbrechen werden, um den Weg nach Pingyao zurückzulegen. Diese Stadt zeigt einem eindeutig, dass auf Regen in jedem Falle wieder Sonnenschein folgt. Deshalb haken an Beijing, mission complete und Adios Amigos, wie der Chinese mit spanischen Wurzeln sagen würde. Der nächste Post wird bestimmt wieder positiver gestimmt sein. Dessen könnt ihr Euch sicher sein.

P.S.: Annett meinte, ich solle unbedingt im Bericht erwähnen, dass sie die Dachwächter, die hier überall auf den Tempeldächern zu finden sind, ganz besonders gerne mag. Also: Annett mag die Dachwächter! (Zum besseren Verständnis füge ich ein Foto an, geschossen von Annett herself)

 

Dann mal Adele Tschüssikowski und Harry Viderci!